Verwicklung in
Entwicklung verwandeln

9. Juli 2021

Gewohnheiten – ohne geht’s nicht und mit ist auch nicht ganz ohne

Das Zentrum des Wortes Gewohnheit bildet das Wort „wohnen“. Und die grad mal zwei angefügten Buchstaben können hinleiten zu: Ich wohne in meinen Ge-wohn-heiten!

Durch weitere äußerst sparsame Anbauten wie ab-gewöhnen, an- gewöhnen, um-gewöhnen, ent-wöhnen, außer- gewöhnlich, un-gewöhnlich und etwas hineingeschmuggelt, weil es so schön ist, das Ver-wöhnen, wird das weite Feld der Gewohnheiten aufgespannt.

Anfangen tut es erstmal einfach. Eine Variante von Gewohnheiten sind die Dinge, die wir auf Autopilot verrichten: morgens im Halbschlaf das Teewasser kochen oder wahlweise die Kaffeemaschine anschalten. Meine Badprocedere nicht jeden Morgen neu erfinden, sondern automatisch tun. Das ist Klimaschutz - Energiesparen in eigener Sache!

Die verfügbare Energie, kann ich dann fürs echte überlegen und austüfteln, im Bereich des Außer-gewöhnlichen nutzen. Handwerklich: Was kann ich alles mit dem neuen Computerprogramm machen, wie geht das neue Kochrezept, wie ordne ich meinen Tag… oder gefühlsmäßig, denkerisch: wie bekomme ich all meine verschiedenen Stimmen unter einen Hut und finde zu einer Entscheidung, Tante Gerdas Geburtstag naht und ich mag nicht hin, wie jongliere ich das…

Wir suchen auch Außergewöhnliches, beispielsweise auf Urlaubsreisen. Nicht selten inspiriert uns dort etwas für uns ungewöhnliches, leckere Gerichte, Musik, eine andere Lebensart, neue Gedanken und wir greifen auf, gewöhnen uns etwas an. In diesem Sinne sind Gewohnheiten Er-rungen-schaften. Aus der Vielfalt all dessen was das Leben zu bieten hat, ergreife ich das, was mir gefällt, richte mich wohnlich ein, mit meinen Lebensfreuden, die zu meinem Lebensglück gehören.

Unter Druck können wir geraten, wenn unsere liebgewonnenen Gewohnheiten als schlechte Angewohnheiten bewertet werden. Wir sind umstellt von Anforderungen: mehr Bewegung, fit sein, achtsam sein, positive Gedanken pflegen, für Entspannung sorgen, leistungsstark sein, gute Figur haben, ein best Ager sein, für gute Ernährung in tausend Varianten sorgen…ergänzen Sie selbst… Diesen vielen Impulsen mit einer aktiven Haltung zu begegnen, aktiv auszuwählen was für mich passt, das ist ein kleines Kunststück. Rasch gelangen die Anforderungen von Aussen nach Innen und führen flugs zu einem Kampf mit mir selbst. Wohnlich gemütlich ist das nicht. Den Kampf mit sich selbst, kann man sich auch leicht selber zaubern, denn jeder hat Gewohnheiten, die in Ihren Auswirkungen für sich selbst, wie für andere von nicht so prickelig bis äußerst schädlich sind. Da Verwandlungen zu erringen, ohne gleich ganz heilig zu werden, ist auch ein kunstvolles Unterfangen.

An Gewohnheiten starr festzuhalten, komme was da wolle, ist auch nicht ausschliesslich gemütlich. Das ist dann wie eine Wohnung, die lange keinen Frühjahrsputz mehr erlebt hat, bei dem man zugleich prüft, steht alles noch gut an seinem Platz oder sind nun andere Plätze viel günstiger.

Ohne Gewohnheiten geht’s nicht und mit ist auch nicht ganz ohne!!

Unser Leben ist so vielfältig, dass wir immer wieder herausgefordert sind, im Bereich der Gewohnheiten beweglich zu sein. Bei Krankheit, Tod, Trennungen, Berufswechseln, Wohnungs- und Wohnortwechseln, erzwungenem Heimatwechsel, neuen Freundschaften und Lieben, Geburt von Kindern…. spüren wir das sehr deutlich. Unsere Gewohnheiten werden aufgewirbelt. Und ob gewünscht oder ungewünscht, der Grad des angesagten Umgewöhnens kann uns sowohl beleben wie auch sehr zusetzen. Da kann es ganz wichtig sein, sich verwöhnen zu lassen – und abendländisch-puritanisch ergänzend, bloß nicht zu dolle, sonst gilt man womöglich als verwöhnter Mensch! Ohje!

Zum Nachsinnen:
Wir alle erleben kleine und große Umgewöhnungssphasen. Schauen Sie doch einmal in Ihren Lebensfundus. Was haben Sie schon alles an Übergängen gemeistert. Sei es, dass Sie als Kind vom Krabbeln ins Laufen gekommen sind, den Kindergarten besucht haben, eingeschult worden sind und was noch alles im weiteren Lebensverlauf hinzugekommen ist. Welche großen schwerwiegenden und kleinen Ereignisse haben Sie gewollt oder ungewollt aus dem Gewohnten herausgebracht und über das Ungewohnte hin zu Neuem wieder eingewohnten getragen! Mit welchen Fähigkeiten haben Sie die unterschiedlichsten Übergänge gemeistert! Was hat Ihnen geholfen…! Wir verfügen ja auch über so große aufbauende Kräfte wie Mut, Zuversicht, Hoffnung, Neugierde, unseren Willen, Humor und vieles mehr. Welche Kräfte haben Sie unterstützt! Was haben Sie in Ihren jeweiligen Übergangsphasen für sich errungen!


So ist unser Leben mal mehr und mal weniger stark in Bewegung. Wir erringen Lösungen, Gewohnheiten, mit denen wir uns in der Welt heimisch machen. Sie bieten Stabilität und Orientierung, allerdings vorübergehend - schwupps kann es schon wieder anders sein.

Dies betrifft uns als Einzelwesen, als Familien, als Firmen bis hin zur Weltengemeinschaft. Auch auf dieser Ebene sind unsere bisherigen Gewohnheiten auf der Erde zu leben auf dem Prüfstand. Neue Gewohnheiten müssen entwickelt werden, damit unser Wohnen auf der Erde zukunftsfähig ist. Nur auf einer gesunden Erde können gesunde Menschen und andere Lebewesen gedeihen und wohnen.

In seinen Gedicht „Stufen“ formuliert Hermann Hesse die Dynamik in die wir als Einzelne gestellt sind sehr poetisch. Er bietet uns den Blick an, dass das fortwährende sich heimisch machen und weiterziehen zu unserer Entwicklungsaufgabe im Leben gehört.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse
Gewohnheiten und die Pandemie: Gerade befinden wir uns in einer Phase, wo das umgewöhnen schon zum Gewohnten geworden ist - oder!? Und da kann jeder Mensch an sich selber erleben, wieviel Energie es braucht!!!!, wie „locker“ es an einer Stelle und eben auch gar nicht an anderer Stelle gelingt. Was vermissen wir schmerzlich, was uns zwar leidvoll und doch klar spüren läßt, was uns wichtig und wesentlich zum Gedeihen ist! - Zudem sind wir berührt von existentiellen Fragen, ganz persönlich, die Verletzlichkeit unseres Lebens, sowie auch unserer materiellen und sozialen Existenz, wie auch auf der kollektiven Ebene, wie leben wir hier und ist das zukunftsfähig. Es gibt viele Fragen – mit wie vielen Fragen kann ich leben?! In die Antworten gilt es - frei nach Rilke – hineinzuwachsen.

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